Hier finden Sie ausgewählte Buchrezensionen unseres Bibliothekteams.
Lucia Engombe: Kind Nr. 95

Hrsg.: Verlag Ullstein Taschenbuch
Erscheinungsjahr: 2004
Lucia Engombe erzählt ihre traumatische Geschichte. Sie wird 1979 als 7-jährige von ihrer Mutter und ihren Geschwistern getrennt und in die „DDR“ ausgeflogen. Dort lebt sie, mit 78 anderen namibischen Kindern, abgetrennt von der Bevölkerung, in einem Kinderheim im Schloss Bellin. Sie sollen zur „neuen Elite“ des unabhängigen Namibia erzogen werden. Dafür müssen sie an regelmäßigen Appellen und an Manöverübungen teilnehmen. Dabei lernen sie auch den Umgang mit dem Gewehr. Ziel ist es, dass diese Kinder später ihr Leben im Kampf gegen die südafrikanischen Besatzer in Namibia aufs Spiel setzen sollen.
1985 ziehen die Kinder in die „Schule der Freundschaft“ in Staßfurt. Dort lebten bereits etwa 900 Kinder aus Mosambik.
Als 1989 die „DDR“ zusammenbricht, werden diese Kinder und Jugendlichen in die ihnen völlig fremde Heimat zurückgeflogen. Dort werden sie zuerst in einer Schule untergebracht und nach und nach von ihren Eltern oder Verwandten abgeholt. Nur Lucias Mutter kommt nicht.
Lucia findet Unterstützung bei „Kapitalisten“, die ihr den Schulabschluss ermöglichen.
Das letzten Kapitel bettet diese Geschichte in die Beziehungen zwischen Deutschland und Namibia ein.
Heute lebt Lucia Engombe in Namibia und war von 2015 – 2021 Leiterin des deutschsprachigen namibischen Hörfunksenders NBC Funkhaus Namibia.
Es ist eine sehr spannende und bewegende Lebensgeschichte.
Gabriele Günther, Bibliotheksgruppe
Gerd Schumann: Patrice Lumumba

Hrsg.: PapyRossa Verlag
Erscheinungsjahr: 2024
Köln, 135 S.
Patrice Lumumba wurde 1925 geboren und war 1960 der erste frei gewählte Premierminister des Kongo, wurde aber bereits am 17. Januar 1961 ermordet. Gerd Schumann hat jetzt die erste deutschsprachige Biographie des Vorkämpfers für ein unabhängiges Kongo und ein geeintes Afrika vorgelegt.
Der belgische König Leopold II. sicherte sich den Besitz der Kolonie, anfangs als Privatbesitz, auf der Kongo-Konferenz in Berlin 1885. Dort wurde praktisch der gesamte afrikanische Kontinent unter die imperialistischen europäischen Mächte aufgeteilt, wobei sich auch Deutschland einen beträchtlichen Teil der Beute sicherte. Es wird deutlich, wie die Interessen an der Ausbeutung der Rohstoffe des zentralafrikanischen Landes zu seiner Unterwerfung und rücksichtslosen Ausbeutung durch die belgische Kolonialmacht im 19. und 20. Jahrhundert führten. Die Opfer unter der Bevölkerung waren horrend und die „Kongogräuel“ sorgten schließlich auch in Europa für Aufsehen. Damals ging es vor allem um Rohkautschuk, der für die Industrie eine wichtige Rolle spielte, insbesondere zur Herstellung von Fahrzeugreifen.
Das waren die Verhältnisse, unter denen Patrice Lumumba aufwuchs, der nach dem zweiten Weltkrieg zur zentralen Führungspersönlichkeit der Unabhängigkeitsbewegung wurde. Schließlich war Belgien gezwungen, seine Kolonialherrschaft offiziell zu beenden. Als König Baudouin diese aber selbst bei der Feier zur Unabhängigkeit in Leopoldville (heute Kinshasa) rundheraus rechtfertigte, entgegnete ihm Lumumba mit deutlichen Worten. Seine Rede, die damals großes Aufsehen erregte, ist in dem Buch komplett abgedruckt. Tatsächlich war die Kolonialmacht, die sich zeitweilig konzessionsbereit gab, nicht so ohne weiteres bereit, die Kontrolle aufzugeben und wurde dabei von den übrigen westlichen Ländern, allen voran den USA unterstützt. Dabei spielte auch der kalte Krieg mit der Sowjetunion eine wesentliche Rolle. Lumumba wurde als Kommunist denunziert, westliche Geheimdienste eröffneten die Jagd auf ihn und belgische Fallschirmspringer eröffneten das Feuer auf seine Anhänger. Schließlich wurde er abgesetzt, gefangen genommen, misshandelt und in der abtrünnigen Provinz Katanga erschossen. An seine Stelle trat der korrupte Diktator Mobutu. Gerd Schumann deckt die Hintergründe dieses politischen Mordes auf und behandelt dabei auch die zwielichtige Rolle der UNO.
Und heute? Nach wie vor spielen, wie Schumann hervorhebt, Rohstoffe aus der Demokratischen Republik Kongo eine zentrale Rolle in der Weltwirtschaft, inzwischen ist es insbesondere Lithium und Kobalt, die für die Herstellung von Computer und Handys unerlässlich sind. Aber die Bevölkerung des Landes lebt überwiegend weiterhin in großer Armut. Hinzu kommt seit den 90er Jahren ein Krieg im Osten des Landes. Aber davon ist hierzulande nur wenig die Rede.
Roland, Bibliotheksgruppe.
Martin Specht:
Amazonas – Gefahr für die grüne Lunge der Welt

Hrsg.: Ch. Links Verlag
Erscheinungsjahr: 2020
In seinem Buch beschäftigt sich der Autor vor allem mit Brasilien und zeichnet auf Grund seiner Zeit in dem Land ein detailliertes Bild der Menschen in der Amazonasregion (ca. 60% von Brasilien). Er beschreibt ausführlich die Situation und Probleme der Menschen zur Zeit der Bolsonaro-Regierung.
Er trifft verschiedene Indigene, lernt manche Mythen, Rituale und Naturreligionen kennen sowie ihr Verhältnis zur Natur und zum Eigentum von Grund und Boden, was vielen nicht wichtig ist, solange sie in Ruhe leben können.
Hauptproblem ist die Zerstörung des Regenwaldes, des eigentlichen CO2-Speichers, durch Brandrodung, Abholzung, Enteignung und Vertreibung auch aus den vormals eingerichteten Schutzgebieten durch Großgrundbesitzer, das Militär oder kriminelle Banden, was von der Regierung nicht verhindert wird.
Damit stirbt die Biodiversität, z.B. tropische Früchte (etwa Maniok, Kochbananen) oder die vielfältige Tierwelt. Bolsonaro förderte stark die Agroindustrie und duldete die Ausbeutung von Seltenen Erden (z.B. Kobalt), für China und die USA von besonderem Interesse, um den Hunger der Weltmärkte etwa nach Tropenholz, Kautschuk, Fleisch, Soja oder fossilen Brennstoffen (Öl) zu befriedigen und damit dringend notwendige Einnahmen zu generieren.
Die Konsequenz ist, dass der Eigenanbau und zum Beispiel auch die Fischerei stark zurückgegangen sind, die Indigenen mehr und mehr auf staatliche Hilfe angewiesen sind, die aber zu spät kommt oder oft ganz ausbleibt. Eine Konsequenz der schwierigen Situation ist, dass ein Großteil der Jugend mehr und mehr in die Stadt drängt, auf Bildung und Ausbildung pocht oder im Bandenwesen oder z.B. in Kokain ihr Heil sucht.
Unterstützung erhalten die Indigenen durch Einzelne, die sich für ihre Interessen und Rechte einsetzen, Initiativen zum Schutz des Regenwaldes sowie zum Teil die katholische Kirche/Jesuiten, die damit möglicherweise auch eigene Ziele verfolgt.
Gegen Ende weist Specht darauf hin, dass die Zerstörung der Ökosysteme auch neue Viren, Krankheitserreger und damit neue Krankheiten zur Folge haben kann, und fragt nach vertretbaren und realistischen Konzepten, um den widerstreitenden lokalen regionalen und globalen Interessen gerecht zu werden.
Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht

Hrsg.: S. Fischer
Erscheinungsjahr: 2014
Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940 – 1945
Mit 18 Jahren wurde Marie Jalowicz Simon im Frühjahr 1940 zur Zwangsarbeit bei Siemens verpflichtet.
Als sie im Frühjahr 1942 von der Gestapo vorgeladen wurde, ignorierte sie es. Sie tauchte in Berlin unter. Dabei musste sie immer wieder zu anderen Menschen ziehen, die, obwohl sie sie versteckten, nicht immer freundlich zu ihr waren.
Sie hatte die Möglichkeit nach Budapest zu fliehen. Dort wurde sie denunziert und von den Behörden nach Deutschland zurückgeschickt.
Sie überlebte das Dritte Reich und promovierte in der „DDR“ zum Thema Philosophie der Antike.
Gemeinsam mit ihrem Mann Heinrich Simon waren sie prominente Wissenschaftler.
Kurz vor ihrem Tod in den 1990er Jahren interviewte sie ihr Sohn Hermann Simon zu ihrem Leben in der Nazizeit. Aus 77 Tonbändern entstand dieses Buch.
Ich finde es eine eindrückliche Biografie, die das große Leiden verfolgter Menschen im Dritten Reich verdeutlicht.
Besonders bewegt hat mich das Kapitel mit ihrer Flucht nach Budapest und wie sie von dort wieder zurückgeschickt wurde.
Wie Marie Jalowicz Simon überlebten auch andere verfolgte Menschen das Naziregime in Berlin,
z. B. die am 9. Mai 2025 verstorbene Margot Friedländer (geb. 5. Nov. 1921). Sie konnte zeitweise in Berlin untertauchen, wurde aber im Frühjahr 1944 an die Gestapo verraten und nach Theresienstadt deportiert.
Dem durch die Fernsehshow „Dalli Dalli“ bekannt gewordenen Hans Rosenthal (2. Apr. 1925 – 10. Feb. 1987) gelang es ebenfalls, in Berlin in der „Laubenpieperkolonie Dreieinigkeit“ mit der Hilfe von Ida Jauch, Maria Schönbeck und Emma Harndt zu überleben.
Gabriele Günther, Bibliotheksgruppe
DAS GUTE LEBEN FÜR ALLE!
Wege in die solidarische Lebensweise

Hrsg.: I.L.A. Kollektiv
Erscheinungsjahr: 2019
Hauruck zieht der Paul, und hauruck zieht der Franz…
Mit der „Rübe“ hat Frederick Vahle in der 80er Jahren ein hinreißendes Lied komponiert, das eine ganze Generation von Kindern geprägt hat: wenn man etwas gemeinsam anpackt, wird die allerdickste Rübe aus der Erde geschafft. Mit ähnlichem Ethos arbeitet das I.L.A. Kollektiv in Göttingen: vorwiegend junge Wissenschaftler:innen und Aktivist:innen suchen Transformationsstrategien für einen sozialen wie auch ökologischen Wandel, um das gute Leben für alle zu garantieren. 2017 lag mit der Publikation „Auf Kosten anderer“ der Fokus noch eher beim Warnen: wie zerstören wir im globalen Norden mit unserer hyperkonsumistischen Lebensweise sowohl unsere eigene Zukunft als auch derzeit schon das Leben anderer. Das Ergebnis der Zukunftswerkstatt von 2019 ging dann einen Schritt weiter: Wege in die solidarische Lebensweise suchen, finden und beschreiten. Mut machen. Das gute Leben für alle Menschen ist keine Utopie. Es fußt auf Prinzipien wie Demokratisierung, Commoning (Güter und Dienstleistungen gemeinschaftlich schaffen, nutzen und pflegen), ReProduktion (Leben erhalten, entfalten und Beziehungen pflegen), Dependenz (Mensch und Natur als untrennbar verbunden betrachten) und Suffizienz: Die Philosophie des „genug“ priorisieren statt immer mehr für wenige. Zugegeben, das widerspricht kapitalistischen Prinzipien. Das I.L.A. Kollekiv gibt sich in der Tat nicht mehr damit zufrieden, nur das verändern zu wollen, was gerade möglich erscheint. Es setzt sich z.B. ein für ein bedingungsloses Grundeinkommen, den genossenschaftlichen Wohnungsbau, demokratische Kontrolle über den Einsatz dezentraler, erneuerbarer Energien, die Vergemeinschaftung von Infrastrukturen wie z.B. der Wasserversorgung oder auch nachhaltige Produktionsmethoden wie die Permakultur.
Und wer soll das organisieren? Die UNO? Auch dazu gibt es Ideen.
Neugierig geworden: dann einfach mal reinschauen. Das Buch, reich illustriert und mit umfassendem Literaturverzeichnis, tut in dieser immer komplexer werdenden Welt einfach gut, stärkt die eigene Resilienz und macht Hoffnung. DAS GUTE LEBEN FÜR ALLE mit einem Vorwort von Ulrich Brand, Maja Göpel. Barbara Muraca, Tilman Santarius und Markus Wissen.
Angelika Becker, Bibliotheksgruppe